Der Einzelhandel bietet viele Ausbildungsplätze, kann sie aber oft nicht besetzen. Der HDE nennt Qualifikation, Berufsorientierung und regionale Passung als Gründe.
Ausbildungsplätze im deutschen Einzelhandel bleiben dieses Jahr oft unbesetzt
Der Einzelhandel gehört weiterhin zu den wichtigen Ausbildungsbranchen. Gleichzeitig gelingt es vielen Unternehmen nicht, ihre Ausbildungsplätze vollständig zu besetzen. Zwischen Oktober 2025 und Juli 2026 wurden der Bundesagentur für Arbeit rund 451.000 Ausbildungsplätze und etwa 433.000 registrierte Bewerberinnen und Bewerber gemeldet. Rechnerisch kamen damit 96 Ausbildungsgesuche auf 100 betriebliche Ausbildungsplätze.
In der betrieblichen Praxis blieb die Besetzung dennoch schwierig. Laut einer im Bericht genannten Befragung des Handelsverbands Deutschland (HDE) konnte lediglich etwas mehr als ein Viertel der Unternehmen alle angebotenen Ausbildungsplätze vergeben. Bei mehr als einem Drittel der Betriebe blieb mindestens eine Stelle unbesetzt, obwohl grundsätzlich Ausbildungsbereitschaft bestand.
Qualifikation und Erwartungen passen häufig nicht
Der HDE führt die Schwierigkeiten nicht allein auf die Zahl der Bewerberinnen und Bewerber zurück. Genannt werden Defizite bei Deutsch, Mathematik und wirtschaftlichem Basiswissen. Auch Belastbarkeit, Eigenverantwortung und Verlässlichkeit entsprächen aus Sicht vieler Unternehmen nicht immer den Anforderungen einer Ausbildung.
Hinzu kommt, dass vielen Jugendlichen eine frühzeitige und praxisnahe Berufsorientierung fehlt. Dadurch entstehen teilweise unrealistische Vorstellungen von Ausbildungsberufen. Angebote und Bewerber passen dann hinsichtlich Qualifikation, Erwartungen oder regionaler Verfügbarkeit nicht ausreichend zusammen.
HDE fordert mehr Orientierung und Unterstützung
Der Verband plädiert deshalb für mehr praktische Einblicke durch Praktika, Unternehmensbesuche und feste Kooperationen zwischen Schulen und Betrieben. Jugendliche sollen die Tätigkeiten und Anforderungen verschiedener Berufe frühzeitig kennenlernen und besser einschätzen können, ob ein Ausbildungsplatz zu ihnen passt.
Weitere Forderungen betreffen einfachere Förderprogramme und eine bessere Unterstützung für Jugendliche mit besonderem Förderbedarf. Auch Mobilität und Wohnraum spielen eine Rolle, wenn Ausbildungsplätze außerhalb des Wohnorts liegen oder schwer erreichbar sind.
Darüber hinaus soll die duale Ausbildung gesellschaftlich stärker anerkannt werden. Karriere- und Weiterbildungsmöglichkeiten müssten sichtbarer werden, während Ausbildungsbetriebe von Bürokratie entlastet werden sollten. Eine Ausbildungsumlage lehnt der HDE ab. Aus Sicht des Verbands liegt das Kernproblem vor allem in der fehlenden Passung zwischen Betrieben und Bewerbern, nicht in mangelnder Ausbildungsbereitschaft.
Einordnung der Redaktion
Dass der Einzelhandel quantitativ nach wie vor zu den größten Ausbildungsbranchen Deutschlands zählt, ist unbestritten. Die strukturelle Realität sieht jedoch düster aus. Seit Jahren wandern Schulabgänger bevorzugt an die Hochschulen ab. Bisher gelingt es dem Sektor kaum, dem mit modernen Formaten wie dualen Studiengängen etwas entgegenzusetzen, denn solche Angebote bleiben eher die Ausnahme.
Gleichzeitig verliert die Branche den Anschluss bei Gehalt und Arbeitskultur. Andere Industrie- und Dienstleistungszweige zahlen bereits während der Ausbildung bessere Gehälter und bieten flexiblere Rahmenbedingungen. Gerade die viel zitierte Work-Life-Balance der heutigen Generation lässt sich mit den rigiden Ladenöffnungszeiten im Handel oft nur schwer vereinbaren. Das Fazit fällt ernüchternd aus: Der Einzelhandel verfehlt die Ansprüche junger Talente derzeit auf fast allen Ebenen – beim Geld, bei der Flexibilität und bei den Aufstiegschancen.
Dieses Attraktivitätsdefizit ist jedoch kein isoliertes Problem der Personalabteilungen, sondern Symptom einer tiefen Branchenkrise. Getrieben von hohen Innenstadtmieten, der Verödung der Einkaufsmeilen und dem Boom des Onlinehandels gerät das klassische Geschäftsmodell ins Wanken. Wenn dann noch die Kunden – wie in den vergangenen Monaten zu beobachten – aus Sorge vor der wirtschaftlichen Lage ihr Geld auf dem Konto lassen, gerät das Gesamtsystem ins Stocken. Aussichten, die auf dem Ausbildungsmarkt alles andere als für Optimismus sorgen.